Geschichte

Lemgo und die Hanse (Geschichte)

Lemgo von Süden, 1663/65 (Stich Elias von Lennep

Der heutige offizielle Name Lemgos – Alte Hansestadt Lemgo – geht auf eine Verleihung dieses Titels durch den lippischen Fürsten aus dem Jahr 1916 zurück. Die Hanse-Tradition Lemgos ist natürlich deutlich älter.

Hanse bedeutet im Althochdeutschen zunächst „Schar“ und bezeichnete im Frühmittelalter eine Gruppe von Kaufleuten, die gemeinsam Handel trieben und bestimmte Privilegien im Ausland genossen. Im 14. Jahrhundert hatte sich aus dieser „Kaufmannshanse“ eine „Städtehanse“ entwickelt, also einem Zusammenschluss von Städten, vorrangig im niederdeutschen Sprachraum. Der Schutz der Kaufleute und der Handelswege war ein Beweggrund für diese Zusammenschlüsse. Städtebündnisse und Landfriedensbündnisse dienten demselben Zweck. Lemgo war selbst oder durch den lippischen Edelherrn Teil solcher Bündnisse.

Handlungsbuch (Auszug) des Lemgoer Kaufmanns Hermann Brautlacht, 1569 (Stadtarchiv Lemgo S 1)

Hansestädte gab es aber nicht nur an den Küsten der Nord- und Ostsee, sondern auch im Binnenland. Städte wie Köln oder Dortmund zählten ebenso dazu wie Lemgo. Der genaue Zeitpunkt der Zugehörigkeit Lemgos zur Hanse lässt sich nicht bestimmen. Urkundlich erstmals belegt ist eine Hansemitgliedschaft für das Jahr 1295. Lemgo, um 1190 gegründet, wies in seinen Mauern eine rege Kaufmannschaft auf. In der Kooperation des Kaufmannsamtes schlossen sich diese führenden Stadteliten zusammen.  Sie nahmen Einfluss auf das politische Geschehen der Stadt. Die Handelsaktivitäten der Lemgoer Kaufleute spiegelten sich in zahlreichen Bürgschaftsurkunden wieder. Verbindungen, auch familiärer Art, lassen sich so bis Nowgorod, Lübeck, Antwerpen oder Riga belegen. Seit dem 16. Jahrhundert liegen auch einige Handlungsbücher Lemgoer Kaufleute vor, u. a. der Kaufleute Brautlacht und Schilling, die Auskunft über Waren, Zahlungsverkehr und Handels- bzw. Messeorte geben.

Schadloshaltungsurkunde (Bürgschaft), 1369 (Stadtarchiv Lemgo, U132)

Zur Willensbildung und Entscheidungsfindung innerhalb der Hanse dienten die Tagfahrten, die jährlichen Zusammenkünfte aller Hansestädte.  In der ersten Hälfte des 15. Jhds. nahm Lemgo aktiv an diesen Tagfahrten teil, schickte also einen Gesandten. Möglicherweise war die geschwächte Vormundschaftsregierung des lippischen Landesherrn ein Grund für Lemgo, in der Hanse einen starken Partner zu suchen. In der zweiten Hälfte des 15. Jhds. begann aber bereits die passive Mitgliedschaft Lemgos in der Hanse, man ließ sich durch andere Städte, wie Herford, vertreten und entschuldigte sich aus den verschiedensten Gründen (Kriegswirren, Witterungsverhältnisse, Epidemien, Geldmangel…).

Protokoll eines Treffens der Städte Lemgo, Bielefeld und Herford, 1561 (Stadtarchiv Lemgo A 3314)

Im 16. und 17. Jhd. wurden die Entschuldigungen für die Nichtteilnahme vielfach ohne die Bevollmächtigung einer anderen Stadt ausgesprochen. Das Interesse an den hansischen Aktivitäten schien zu erlahmen. Trotzdem trafen sich die drei Hansestädte Lemgo, Herford und Bielefeld in unregelmäßigen Abständen in Schötmar (heute Bad Salzuflen) zu einem Regionaltag, um gemeinsame Positionen und Stellungnahmen zu Hansebeschlüssen und Einladungen zu formulieren. Die entsprechende Korrespondenz, auch mit den anderen Hansestädten wie Lübeck oder Köln, haben sich in den Hanse-Akten (1540 – 1669) des Stadtarchivs erhalten. Darin findet sich auch eine Aufstellung der Hansestädte nach den Dritteln (Städtegruppen innerhalb der Hanse mit einer anführenden Stadt als Vorort) und was jede Stadt als annuum, eine feste jährliche Abgabe, zu zahlen hatte. Diese Abgabe wurde auch noch im 17. Jhd. gezahlt. Aus der Hanse ausgetreten ist Lemgo nie; offenbar erschienen die hansischen Handelsprivilegien doch als so wichtig, dass man darauf nicht verzichten wollte.

Taxa der Hansestädte 1540 (Stadtarchiv Lemgo, A 3314)

Das Interesse Lemgos an der Hanse als Organisationsform war durch das Problem des Landhandels geprägt.  Ursprünglich waren nur die städtischen Kaufleute mit dem Leinenhandel und Gewandschnitt der vorgefertigten Tuchstoffe privilegiert. Seit dem 15. Jahrhundert wurde zudem das städtische Marktmonopol von sog. Außerhansischen (butenhensischen) umgangen, die direkt auf dem Land die Produkte von den ländlichen Erzeugern abkauften.  In erster Linie waren es Kaufleute aus Elberfeld und Barmen, die im Bereich des Garnhandels im Verlagssystem aktiv waren. Aber auch in anderen Produktionszweigen zeigte sich die Konkurrenz auf dem Land. Beschwerden über den Landhandel wurden sowohl an den Landesherrn als auch an die anderen Hansestädte gerichtet. Die tatsächliche Ergebnisse der Beschwerden waren bei beiden Adressaten gering. Der Landesherr erließ zwar Privilegien für den städtischen Handel (70jähriges Privileg), ließ aber kaum Taten zur Unterbindung des Landhandels folgen. Trotz zahlreicher Eingaben und Forderungen war innerhalb der Hanse der Schutz der Außenhandelsprivilegien wichtiger als die Probleme im Binnenhandel.  Lemgo machte deshalb auch immer wieder deutlich, dass man die hansische Politik nur dann aktiv unterstützen würde, wenn im Gegenzug auch etwas gegen die butenhensischen geschehe.

Die Hanse war für Lemgo immer von einem Zweck- und Nützlichkeitsdenken geprägt. Als landständische Stadt stellte sich dabei immer die Frage, ob von Seiten des Landesherrn eine bessere Unterstützung zu erwarten war. In Zeiten der Krisen und einer schwachen Landesregierung konnte sich der Verbund der Hanse dagegen als durchaus nützlich erweisen.

 

Quellen zur Hansegeschichte Lemgos

In den Beständen des Stadtarchivs Lemgo finden sich zahlreiche Quellen zur Hansegeschichte Lemgos.

Quellenübersicht (PDF-Datei)

 

Aktuelle Veröffentlichung zur Hansegeschichte Lemgos:

Roland Linde: Lemgo in der Zeit der Hanse - Die Stadtgeschichte 1190 - 1617

Zum 825-jährigen Jubiläum der Stadt Lemgo ist der vom Verein Alt Lemgo e. V. herausgegebene Band "Lemgo in der Zeit der Hanse - Die Stadtgeschichte 1190-1617" erschienen. Mehr als 60 Jahre nach der klassischen Darstellung von Karl Meier-Lemgo wird damit ein neuer umfassender Überblick über die ältere Geschichte Lemgos gegeben.

Der Autor Roland Linde, Historiker aus Münster, hat für den Band die Quellen (u. a. im Stadtarchiv Lemgo) und die Forschungsliteratur gesichtet. Er behandelt die politische, wirtschaftliche, soziale und religiöse Entwicklung Lemgos und integriert dabei auch die Ergebnisse der archäologischen, bau- und kunstgeschichtlichen Forschung. Die Lemgoer Geschichte wird nicht isoliert betrachtet, sondern in die größeren Zusammenhänge des niederdeutschen bzw. hansischen Fernhandels und Städtewesens eingeordnet.

Das erste Kapitel erläutert die vorstädtische Entwicklung Lemgos, die mit der archäologisch nachgewiesenen Gründung der Kirche St. Johann im späten 8. Jahrhundert einsetzt. Die Eckdaten für die vier folgenden Kapitel bilden die Gründung der Altstadt Lemgo um 1190, die Vereinigung von Alt- und Neustadt 1365, der Beginn der Reformation 1517 und schließlich der Röhrentruper Rezess von 1617, mit dem der politische und konfessionelle Konflikt mit dem Landesherrn zugunsten der Stadt endete.

Roland Linde

Lemgo in der Zeit der Hanse: Die Stadtgeschichte 1190-1617 Herausgegeben vom Verein Alt Lemgo e. V.

Lemgo: Verlag Brigitte Spethmann, 2015

ISBN 978-3-9802737-5-6

Gb., 24 x 17 cm, 264 S., 172 farbige Abb., 19,00 €

zu erwerben ist das Buch bei:

Lemgo Marketing e. V
 Kramerstraße 1
32657 Lemgo
Telefon: 05261 98870
Fax: 05261 988728
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Weserrenaissance-Museum
Schlosssstraße 18
32657 Lemgo
05261  94 50-0 (Museumskasse)
05261  94 50-10 (Sekretariat) 05261 94 50-50 (Fax)

 

Ältere Veröffentlichungen zur Hansegeschichte Lemgos

Gustav Ottemeyer: Die Deutsche Hanse und Lemgo als Mitglied derselben, Lemgo 1880.

Georg Gudelius: Lemgo als westfälische Hansestadt, (Diss. phil.) Münster 1929.

Ellynor Geiger: Die soziale Elite der Hansestadt Lemgo und die Entstehung eines Exportgewerbes auf dem Lande in der Zeit von 1450 bis 1650, (Diss. phil.) Detmold 1976 (Sonderveröff. d. Naturwiss. u. Hist. Vereins f.d. Land Lippe, Bd. 25).

Barbara Scheidt: Lemgo in der Frühzeit der Hanse. Kaufleutegilde, Tuchhandel mit Holland und Flandern und Blütezeit im 14./15. Jahrhundert, in: Lippische Blätter für Heimatkunde Nr. 1-3/1977.

Heinz Schilling: Konfessionskonflikte und hansestädtische Freiheiten im 16. und frühen 17. Jahrhundert. Der Fall „Lemgo contra Lippe“, in: Hansische Geschichtsblätter, 97. Jg., Köln-Wien 1979, S. 36-59.

Hans Hoppe: Stadtgeschichtliche Einleitung, in: Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, 49. Bd./Teil I: Stadt Lemgo. Begonnen von Otto Gaul, fortgeführt von Ulf-Dietrich Korn, Münster 1983, S. 1-116.
Darin S. 86-115: Wirtschaftsgeschichte.

Herbert Stöwer: Lemgo als Hansestadt, in: Hansische Stadtgeschichten des Westfälischen Hansebundes. Loseblattsammlung, hrsg. vom Westfälischen Hansebund, Herford 1985, 2. Aufl. 1997.

Fritz Waldeyer: Lemgoer Fernhandelskaufleute zur Hansezeit, in: Lemgoer Hefte, 8. Jg. Heft 32/Jan.-März 1986, S. 28-30, 9. Jg. Heft 33/April-Juni 1986, S. 14-16.

Friedrich-Wilhelm Hemann: Lemgos Handel und der hansische Verband in Spätmittelalter und Frühneuzeit, in: 800 Jahre Lemgo. Aspekte der Stadtgeschichte. Im Auftrage der Alten Hansestadt Lemgo hrsg. von Peter Johanek und Herbert Stöwer, Lemgo 1990 (Beitr. z. Gesch. d. Stadt Lemgo, Bd. 2), S. 189-238

Wolfgang Fedders: Die Schreibsprache Lemgos. Variablenlinguistische Untersuchungen zum spätmittelalterlichen Ostfälischen, (Diss. phil.) Köln-Weimar-Wien 1993 (Niederdeutsche Studien, Bd. 37).
Darin S. 35-49: Zur Hansegeschichte Lemgos.

 

Veröffentlichungen zur allgemeinen Hansegeschichte

Stadtbücherei Lemgo
Papenstraße 40
32657 Lemgo

Eine Übersicht über die aktuelle Literatur zum Thema Hanse in der Lemgoer Stadtbücherei erhalten Sie hier